Alles ist spannend und alles ist interessant. Wer mit dieser Einstellung und frischem Abiturzeugnis in der Tasche vor der Frage steht, wo es denn hingehen soll, der hat es nicht ganz so einfach, den ersten Schritt in die berufliche Zukunft zu machen.  Jessica Saum, Jahrgang 77, überlegte lange, welche Schublade sie aufziehen sollte.

„Ich war immer ein Naturmensch, in Duisburg geboren, meine Eltern sind jedoch schon sehr früh an den Niederrhein gezogen, die ganze Familie liebte das Landleben. Meine Schwester und ich haben unsere Jugend praktisch im Pferdestall verbracht.  Wie schaffe ich es also, eine Ausbildung oder ein Studium so zu organisieren, dass ich auf jeden Fall weiter Zeit für mein Pferd habe? Und für den Resthof in Wesel, auf den die Familie gerade umzog? Das waren so meine Überlegungen.“

Letztendlich entschied sie sich für den Studiengang International Business in Arnheim. „Es war ein englischsprachiger Studiengang. Ein breit angelegtes Studium mit Marketing-Schwerpunkt, das mir viele Optionen offen halten würde. Und…. ich konnte pendeln.“

Noch eines hat Jessica Saum hier gehalten: sie war jahrelang erfolgreich in Sachen Tanzsport unterwegs. Mit dem Tanzen war Schluss, als Jessica Saum einen Reitunfall hatte. „Ich habe das Turniertanzen nie wieder angefangen.“

Dafür wurde das Studium abgeschlossen und die nächste Entscheidung stand an: Wie weiter? „Ich habe mich eigentlich immer auch für alles, was mit Informatik und Technik zusammenhängt interessiert. In der Schule hatte ich schon einmal als Wahlfach Informatik – das hat mir viel Spaß gemacht.

„Ich habe mich eigentlich immer auch für alles,
was mit Informatik und Technik zusammenhängt interessiert.”

Deshalb fand ich auch eine Stellenausschreibung bei Vodafone Information Systems -damals noch Mannesmann TeleCommerce-  in Ratingen bei Düsseldorf spannend, bewarb mich dort und bekam die Stelle. Wie sich herausstellte, wurden hier die IT-Dienste für die damaligen Mannesmanngesellschaften gebündelt. Für mich eine lehrreiche Zeit: Marketing, Vertrieb, Messen planen und so weiter. Parallel hierzu habe ich dann in einem virtuellen Studium Wirtschaftsinformatik studiert.“   Nach vier Jahren kam das Aus. Vodafone schloss im Zuge einer großen Umstrukturierung die Abteilung. Jessica Saum war zu diesem Zeitpunkt 27 Jahre und arbeitslos. „Es gab eine Transfergesellschaft. Das war, rückblickend gesehen, mein Glück“, erzählt Jessica Saum. „Ich konnte an dem Programm „Gründen im Team“ teilnehmen. Es kam zwar nicht zu einer gemeinsamen Gründung, wir haben aber tatsächlich damals zu dritt die Kooperation CommuniBIT aufgebaut. Wir, das waren ein Grafikdesigner, ein Webprogrammierer und ich. Wir waren uns einig, dass wir unsere Zusammenarbeit erst einmal gut im home-office organisieren könnten.“

Erste Kundinnen und Kunden kamen aus dem Gründungsseminar.  Denn alle, die sich gründeten, brauchten ja eine Website, Logos, Geschäftspapiere. Als dann nach wenigen Monaten der Programmierer wieder eine feste Stelle angenommen hat, war klar, dass Jessica Saum allein weiter machen würde. „Ich konnte ja jetzt durch meine bisherige Erfahrung und das Wirtschaftsinformatik-Studium schon auf einiges Wissen zurückgreifen. Mein gestecktes Ziel war, nicht mehr nur zu beraten, sondern selbst Webprojekte für Kunden zu entwickeln. Besonders interessant war für mich damals schon das Thema Suchmaschinenoptimierung. 2004/2005 war es ja alles noch ganz einfach. Die Suchalgorithmen waren noch nicht sehr komplex, Google wurde langsam groß, aber es gab auch noch AltaVista und einige andere Suchmaschinen – Smartphone, Facebook, alles noch ganz weit weg. Und nur wenige mittelständische oder kleine Unternehmen haben damals ernsthaft daran gearbeitet, mit ihren Produkten und Dienstleistungen schnell im weltweiten Internet auffindbar zu sein.“

“2004/2005 war es ja alles noch ganz einfach. Die Suchalgorithmen waren noch nicht sehr komplex,
Google wurde langsam groß, aber es gab auch noch AltaVista und einige andere Suchmaschinen
– Smartphone, Facebook, alles noch ganz weit weg.”

Den Firmennamen CommuniBIT konnte Jessica Saum weiter nutzen. Großes Equipment war erst einmal nicht nötig. Sie kaufte sich einen neuen Computer und stellte sich darauf ein, für eine Zeitlang den Gürtel enger zu schnallen. „Geld habe ich anfangs zum Beispiel mit dem Übersetzen von technischen Handbüchern verdient. Ich lebte damals mit meinem Freund zusammen, so bin ich einigermaßen über die Runden gekommen.“

Die Sehnsucht, wieder an den Niederrhein zu ziehen, wurde größer. 2006 dann der Umzug mit dem Freund und Heirat. Es folgte beruflich wie privat die berüchtigte „Rushhour of Life“.  Arbeitsintensive Kundenprojekte, Hauskauf, Umbau.
„Ich wollte immer gerne mit mehreren „Gewerken“ unter einem Dach arbeiten. 2012/2013 haben wir, zwei Grafikdesignerinnen, eine Texterin und ich uns als Bürogemeinschaft „Creativ & Co“ in Wesel zusammengeschlossen. Das hat leider für alle nicht so gut funktioniert. Ende 2011 hatten sich mein Mann und ich getrennt, 2012 dann die Scheidung. Zu diesem Zeitpunkt ist mir die Arbeit über den Kopf gewachsen, weil das Web-Thema für die Unternehmen immer drängender wurde. Alles in allem schon eine sehr intensive Zeit.“

Die damalige Situation zwang Jessica Saum erneut zu einem Neustart. Allein weitermachen? Wenn sie wachsen wollte, müsste sie jemanden einstellen. „Ich musste eine Entscheidung treffen und die war gut. Mein neuer Mitarbeiter Sebastian Stevens entpuppte sich als erfahrener IT-Fachmann und ich konnte erstmals eine Menge an Arbeit abgeben. Im Team haben wir eine gute Arbeitsteilung entwickelt. Er konzentriert sich auf die Programmierung und Umsetzung, ich kann mich um die Angebote kümmern, Kundenberatung und –Betreuung. Endlich hatte ich einmal Zeit, systematisch Marketing und Kundenpflege weiter zu entwickeln und meine Geschäftsbereiche neu zu definieren. Der Umzug 2014 in die eigenen Büroräume – raus aus der Bürogemeinschaft – und der Eintrag ins Handelsregister 2017 waren noch einmal zwei wichtige Meilensteine auf dem Weg von der Einzelkämpferin zur Unternehmerin. Unsere Zielgruppe sind KMUs, also kleine und mittlere Unternehmen. Wir bieten Dienstleistungen rund um das Internet an und richten uns jetzt auch stärker auf das Internetmarketing aus. Seit Dezember 2018 ist Julia Tinnefeld bei uns im Team. Sie ist als Marketingfachfrau verantwortlich für das Projektmanagement und Social Media, ein in letzter Zeit expandierender Bereich.“

“Wir bieten Dienstleistungen rund um das Internet an
und richten uns jetzt auch stärker auf das Internetmarketing aus.”

Über die Jahre hinweg hatte sich die IT-Fachfrau ein gutes regionales Netzwerk geschaffen. Seit 2006 ist sie Mitgliedsfrau im unternehmerinnen forum niederrhein. Ebenfalls aktiv ist sie beim Weseler Gründerinnen- und Unternehmerinnen Treff. Man konnte und kann sie auf vielen Veranstaltungen für Unternehmerinnen in der Region treffen, auf Fachveranstaltungen sowieso. „Das war mir immer wichtig. Ich lernte auf diesen Veranstaltungen viele außergewöhnliche Frauen kennen: gestandene Unternehmerinnen, Frauen, die gerade den Sprung in die Selbständigkeit gemacht hatten, Freiberuflerinnen, Geschäftsführerinnen. Beim unternehmerinnen forum niederrhein fand ich die Frauen und ihre Geschäfte von Anfang an inspirierend, alles tolle Netzwerkerinnen mit einer Menge Know How. Jedes Mal hatte ich das Gefühl, von diesen Treffen profitiert zu haben. Aber ich will selbst auch aktiv sein, wenn es darum geht, den Frauen Unterstützung in Sachen Internet zu geben, biete immer wieder bei Gelegenheit Impulsvorträge und Workshops in meinen Netzwerken an. Seit 2016 gehöre ich zum erweiterten Vorstand des unternehmerinnen forums.“

Im Oktober 2019 wird CommuniBIT 15 Jahre. Wie ist das Unternehmen für die Zukunft aufgestellt? Der digitale Wandel ist in vollem Gang. Keine Firma, kein Betrieb wird sich diesen Veränderungen entziehen können. Also alles im grünen Bereich? „Ja, ich denke schon. Einerseits finde ich es gut, nicht schon jetzt zu wissen, was in 10 Jahren ist. CommuniBIT wird sich mit den neuen Herausforderungen entwickeln. Lebenslanges Lernen ist bei uns gelebter Alltag. Die Frage für uns wird sein: Was brauchen kleinere Unternehmen an Unterstützung, um hier gut gerüstet zu sein? Wie erklärt man Kunden neue digitale Produkte? Was ist zu tun, damit die großen digitalen Entwicklungslinien auch bei den kleinen Unternehmen ankommen? Mobile Webseiten sind ein großes Thema. Es kommen immer mehr sogenannte ‚selfservice tools‘ und Dienstleistungs-Plattformen auf den Markt. Daten und Anwendungen verlagern sich so in die ‚Cloud‘ und Websites vernetzen sich mit diesen Cloud-Anwendungen. Wir haben immer mehr Kunden, die über all das verfügen, diese Instrumente jedoch nicht vollumfänglich verstehen und daher nicht richtig einsetzen und pflegen können. Hier sehe ich auch zukünftig viel Potenzial für uns,“ ist sich Jessica Saum sicher. „Ja, ich möchte gerne wachsen, aber nicht um jeden Preis. Ich habe mir selbst den Job geschaffen, in dem ich meine vielseitigen Interessen und Fähigkeiten bestens einbringen kann und in dem es nie langweilig wird. Ich bin gerne Unternehmerin, diese Rolle übernehme ich immer selbstverständlicher. Für mich ist jedoch mindestens genauso wichtig, dass ich selbst immer verstehe, was ich meinen Kunden anbiete. Zudem habe ich festgestellt, dass ich selbst gerne an einem Produkt arbeite. Dafür muss man nicht nur das Geld, sondern auch die Zeit haben. Wir haben viele Ideen in der Schublade für eigene Projekte und Produkte – Software-Tools und Web-Portale z.B. Und da ich zukünftig stärker Schulungen entwickeln und anbieten möchte, heißt das für mich: noch mehr abgeben. Und das muss ich noch ein Stück weit lernen.“

CommuniBIT wird sich mit den neuen Herausforderungen entwickeln.
Lebenslanges Lernen ist bei uns gelebter Alltag.

Ein weiterer Schritt ist bereits gemacht: Die neue Website mit Schulungsangeboten unter dem Namen ‚creativ-CO.DE‘  ist gerade online gegangen. Daraus soll sich neben dem Projektgeschäft ein zusätzliches Standbein für die Zukunft entwickeln.

Die Unternehmerin ist also zufrieden, mit dem was sie in 15 Jahren geschafft hat. Und wie geht es der Privatfrau so? „Bestens, würde ich sagen. Wie der Zufall oder besser der glückliche Zufall es wollte, passen mein Mitarbeiter Sebastian und ich auch privat gut zusammen. Ich genieße das Landleben auf dem Hof meiner Eltern, wie ich es immer wollte. Vor ein paar Jahren habe ich mir einen Jugendtraum erfüllt und angefangen, Gitarre spielen zu lernen. Seitdem ist der Dienstag der Tag, an dem ich mich richtig ins Zeug lege, pünktlich Feierabend zu machen. Es klappt nicht immer, aber immer öfter. Wenn ich es jetzt noch hinbekäme, mal wieder richtig Urlaub zu machen und nicht erreichbar sein zu müssen!“

Text Gabriele Coché-Schüer
Foto Sabrina Koopmans