Die Kunst, als Unternehmerin in männerdominierten Branchen einen eigenen Führungsstil zu leben
In den letzten zwei, drei Jahrzehnten wurde von Seiten der Wirtschaft, Politik und Gesellschaft eine Menge an öffentlichkeitswirksamen Anstrengungen unternommen um zu zeigen: „Schaut her! Wir fördern Frauen, wir schieben die Karrieren von Frauen an, wir machen den Weg frei für Gründerinnen, wir unterstützen Frauen bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf.“ Und tatsächtlich: es ist vieles in Normalität übergegangen (was viel Durchhaltevermögen, Hartnäckigkeit und Standhaftigkeit von Seiten der Frauen bedurfte). Frauen haben sich ihren Sitz in Vorständen erarbeitet, sie haben erfolgreich gegründet, wurden selbstverständlicher als Nachfolgerinnen im Familienunternehmen aufgebaut – die Liste liesse sich fortführen. Frauen als Managerinnen, selbständige Unternehmerinnen und Inhaberinnen von großen Handwerksbetrieben, erfolgreiche Freiberuflerinnen – Alltag!! Aber auch im Alltag eines immer noch stark männlich geprägten Wirtschaftskosmos.
Wie gelingt es Frauen in Führungspositionen, sich in einer männerdominierten Arbeitswelt zu behaupten, ohne sich dabei verbiegen zu müssen? Welche Rolle spielen der eigene Führungsstil, gegenseitiger Respekt und starke Netzwerke? Und warum ist ein gutes Miteinander nicht nur eine Frage der Unternehmenskultur, sondern auch ein Faktor für Gesundheit und Betriebserfolg?
Darüber diskutierten Unternehmerinnen aus Handwerk und Wirtschaft am 4. September im ‚Škoda Autohaus am Großmarkt‘ in Duisburg. Eingeladen hatten das unternehmerinnen forum niederrhein und die UnternehmerFrauen im Handwerk (UFH) NRW, unterstützt von der IKK classic.
Junge Unternehmerinnen ließen sich an diesem Abend in die Karten schauen.
Da hätte der Veranstaltungsort kaum passender sein können. Mit Sissi Figura und Tessa Cramer-Biermann gaben zwei junge Frauen Einblicke in ihren Alltag und ihre persönlichen Wege in einem traditionell männergeprägten Umfeld.
Im Familienunternehmen Škoda-Autohaus am Großmarkt gestalten sie seit einiger Zeit den Wandel aktiv mit. Sie berichteten offen über ihre unterschiedlichen Wege ins Unternehmen, über Verantwortung, Herausforderungen und darüber, wie es ist, sich als junge Frauen in der Automobilbranche eine eigene Position zu erarbeiten. Dabei wurde deutlich: Kompetenz allein reicht nicht immer aus. Frauen erleben auch heute noch Situationen, in denen sie sich zunächst erklären oder beweisen müssen, ob im eigenen oder fremden Unternehmen und deren Umfeld sowie in der Gesellschaft. Rollenbilder und Klischees sind vielfach gesellschaftlich gewachsen und begegnen Frauen wie Männern gleichermaßen – im beruflichen Umfeld, bei KundInnen, in Familien und in den eigenen Erwartungen. Sissi Figura und Tessa Cramer-Biermann zeigten, wie wichtig es ist, dabei den eigenen Weg nicht aus den Augen zu verlieren und klar Position zu beziehen.
Einen weiteren sehr persönlichen Blick auf das Thema gab Katja Lilu Melder. Die vierfache Meisterin (u.a. Sprengmeisterin), Unternehmerin und Miss Handwerk 2025 berichtete von ihrem außergewöhnlichen beruflichen Weg und von den Erfahrungen, die sie als Frau in einer absoluten Männerdomäne gemacht hat. Ihr Beispiel machte deutlich, wie viel Leidenschaft im Handwerk steckt – aber auch, welche unsichtbaren Barrieren Frauen noch immer begegnen können: Sich beweisen zu müssen, bevor Vertrauen entsteht, unterschätzt zu werden oder mit Rollenbildern und Vorurteilen konfrontiert zu sein.
„Ans Handwerk kann man sein Herz verlieren“
Die Botschaft des Abends war jedoch keine Abgrenzung zwischen Frauen und Männern. Im Gegenteil: Im Mittelpunkt stand die Frage, wie ein respektvolles Miteinander gelingen kann und wie unterschiedliche Stärken zu besseren Unternehmen beitragen können.
„Frauen gehören ganz selbstverständlich ins Handwerk – auf die Baustelle, in die Werkstatt, ins Büro, in die Geschäftsführung und in unsere Gremien. Handwerk braucht Frauen und Männer mit unterschiedlichen Stärken. Entscheidend ist nicht das Geschlecht, sondern was jemand kann, mit welcher Leidenschaft jemand arbeitet und welche Verantwortung er oder sie übernehmen möchte.“ betonte Juana Bleker, Landesvorsitzende der UnternehmerFrauen im Handwerk NRW. Für Bleker, die gemeinsam mit ihrem Mann die Bleker Haustechnik GmbH in Bocholt führt, liegt
genau darin eine große Chance für das Handwerk.
Klischees beginnen nicht erst im Betrieb
Ein wichtiges Thema des Abends war deshalb auch der gesellschaftliche Blick auf Handwerk und Führung. Noch immer werden technische Berufe häufig eher mit Männern verbunden, während Frauen andere Fähigkeiten zugeschrieben werden. Solche Vorstellungen prägen bereits die Berufswahl junger Menschen. Veränderung braucht deshalb viele: Eltern, Schulen und Berufsorientierung ebenso wie Betriebe, Kunden, Verbände und die Gesellschaft insgesamt. Und sie braucht Männer, die Frauen selbstverständlich unterstützen und fördern – genauso wie Frauen, die sich gegenseitig stärken und sichtbar machen. Nicht Frauen müssen sich einer bestehenden Arbeitswelt anpassen. Vielmehr sollten Frauen und Männer gemeinsam eine Arbeitswelt gestalten, in der Fähigkeiten und Persönlichkeit darüber entscheiden, welchen Weg jemand gehen kann.
Zwei Netzwerke – viele gemeinsame Themen
Bewusst hatten UFH NRW und das unternehmerinnen forum niederrhein Frauen aus dem Handwerk und anderer Branchen zusammengebracht. Denn trotz unterschiedlicher beruflicher Hintergründe ähneln sich viele Herausforderungen: Verantwortung übernehmen, Mitarbeitende führen, Entscheidungen treffen, mit Widerständen umgehen und gleichzeitig die eigene Gesundheit nicht aus dem Blick verlieren. Gerade deshalb seien Netzwerke so wichtig. Sie ermöglichen Erfahrungsaustausch, schaffen Sichtbarkeit, öffnen Türen und geben Frauen die Möglichkeit, voneinander zu lernen – auch über Branchengrenzen hinweg. Barbara Baratie vom unternehmerinnen forum niederrhein brachte eine zentrale Erkenntnis
des Abends auf den Punkt: „Wirksamkeit entsteht, wenn Frauen ihre Stärken nutzen und ihren eigenen Führungsstil bewusst einsetzen. Mehr Respekt im Miteinander ist dabei nicht nur menschlich wertvoll – er ist ein Gewinn für den Unternehmenserfolg.“
Gutes Miteinander stärkt Menschen und Unternehmen
Dass Unternehmenskultur und Gesundheit eng miteinander verbunden sind, war ein weiterer Aspekt des Abends. Denn gerade in kleinen und mittleren Unternehmen prägen Führung, Kommunikation und gegenseitiger Respekt den Arbeitsalltag unmittelbar. Mit der IKK classic wurde die Veranstaltung von einem Partner unterstützt, der kleine und mittlere Unternehmen mit Angeboten des Betrieblichen Gesundheitsmanagements begleitet. Dabei geht es nicht allein um einzelne Gesundheitsmaßnahmen, sondern auch darum, Arbeitsbedingungen und Zusammenarbeit so zu gestalten, dass Beschäftigte langfristig gesund und leistungsfähig bleiben können.
Barbara Baratie begrüßte an diesem Abend als neue Mitgliedsfrau Brigitte Steinhoff aus Wesel, die nicht nur seit 10 Jahren erfolgreich als Immobilien- und Sacherverständige aktiv ist, sondern derzeit sogar noch ihre Promotion vorantreibt. Herzlich willkommen! Gleiches gilt für die Regionalleiterin der IKK classic in Moers: Paulina Heinser.
Brigitte Steinhoff
Paulina Heinser
Kulinarisch bestens versorgt aus Mel’s Foodtruck gab es anschließend die Gelegenheit zum Austausch und zum Knüpfen neuer Kontakte. Herzlichen Dank an Tessa und Sissi und ihre Familie für ihre große, selbstverständliche Gastfreundschaft.
Impressionen
Bildergalerie
Text: Juana Bleker/ ergänzt Gabriele Coché-Schüer
Fotos / Video: Yvonne Koall – yvonnekoall.de
4. und 5. November: Schlossgespräche im Wasserschloss Velen
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